Objekt des Monats Nr. 8: Pendule

Im Rahmen unserer Blog-Serie „Objekt des Monats“ stellt Ihnen die Historische Sammlung des Museum Aargau diesen Monat eine Pendule vor. Sie stammt aus Aarau und gibt Anlass, einen Blick auf die Uhrmacherkunst in der Kantonshauptstadt und allgemeiner in der Schweiz zu werfen.

 

Pendule der "frères Hagnauer" aus Aarau, um 1820 (K-18992)

Pendule der „frères Hagnauer“ aus Aarau, um 1820 (K-18992)

Eine Pendule aus „Arrau“

Die aus schwarz gefasstem Fichtenholz und mit Blattgoldstäben verzierte Pendule steht auf geschweiften Füssen auf der dazugehörenden Konsole. Die Pendule wird auf Anfangs 19. Jahrhundert, etwa um 1820, datiert. Gebaut wurde sie von den Gebrüder Hagnauer, es ist aber nicht ganz eindeutig, welchen Hagnauer diese Pendule zugeschrieben werden soll (mehr dazu weiter unten). Hinter dem aufklappbaren Glastürchen befindet sich das Ziffernblatt aus Email, auf welchem die Signatur „frères Hagnauer A ARRAU“ steht. Links und rechts davon befinden sich die Löcher für das Aufziehen der Pendule per Schlüssel. Die feuervergoldeten Zeiger geben die Stunden in römischen und die Minuten in arabischen Zahlen an.

 

Unklare Herkunft des Uhrwerks

Auf der Rückseite des Uhrwerks aus Messing ist graviert: „Frères Hagnaur A ARAU“. Trotz (oder wegen) der Signatur ist unklar ob das Uhrwerk mit dem Ziffernblatt tatsächlich von den Gebrüder Hagnauer stammt oder ob sie es in Frankreich oder in der Westschweiz gekauft haben. Die nicht ganz korrekten Gravierungen könnten darauf hindeuten. Man sollte aber gleichzeitig in Betracht ziehen, dass individuelle und aus heutiger Sicht „falsche“ Schreibweisen zu dieser Zeit nichts Unübliches waren. Unter den Uhrmacher war es damals jedoch verbreitet, ganze, bereits verzierte Pendulengehäuse und eben auch andere Teile in Frankreich, von wo die Pendulen ursprünglich stammen, zu kaufen.

 

Rückseite der Pendule mit dem Uhrwerk, unten rechts eingraviert: "Frères Hagnaur A ARAU"

Rückseite der Pendule mit dem Uhrwerk, unten rechts eingraviert: „Frères Hagnaur A ARAU“

Die Westschweiz wird zum Schweizer Uhrmacherzentrum

Wie bereits angedeutet, begann die Entwicklung der Pendule um 1600 in Frankreich. In der Schweiz wurden Pendulen einige Jahrzehnte später gebaut, mit Genf, Neuenburg, La Chaux-de-Fonds und Le Locle als Zentren der Uhrmacherkunst, wobei sich vor allem das Fürstentum Neuenburg mit seinen Städten, darunter Le Locle, auf die Pendulen spezialisierte. Schon sehr bald erlangte die Schweizer Uhrmacherkunst internationales Renommée für Qualität und Präzision. Viele Deutschschweizer Uhrmacher erlernten ihr Handwerk in der Westschweiz, darunter mit Sicherheit einige Aarauer.

 

Das Uhrmacherhandwerk in Aarau

In den Aarauer Neujahrsblättern 1994 untersucht Peter Kleiner die Aarauer Besteuerungslisten und kommt zum Schluss, dass im 18. und 19. Jahrhundert in Aarau 25 Uhrmacher und insgesamt 35 Personen in der Uhrenherstellung tätig waren. Letztere Zahl beinhaltet auch Personen, die lediglich Teilarbeiten ausführten, wie zum Beispiel die von 1790 bis 1793 in Aarau tätigen Julie Anne Jacot und ihr Sohn Abram Louis aus Le Locle: die Gebrüder Märk beschäftigten sie als Poliererin und ihn als Graveur.

 

Sehr gut erhaltenes Ziffernblatt aus Email, Signatur "frères Hagnauer A ARRAU"

Sehr gut erhaltenes Ziffernblatt aus Email, Signatur „frères Hagnauer A ARRAU“

Die Hagnauer Brüder

Wie auch in anderen Berufen üblich, bekleideten die Uhrmacher oft öffentliche Ämter. So wurde der Uhrmacher Hans Beat Hagnauer (1738-1812) als Zeitrichter eingesetzt. In dieser Aufgabe wartete und unterhielt er die öffentlichen städtischen Uhren und war für deren Genauigkeitskontrolle zuständig. Hans Beat Hagnauer hatte mindestens vier Söhne. Wir kennen drei davon als Uhrmacher und einer als Schreiner. Es lässt sich nicht genau nachweisen, welches Bruderpaar diese Pendule herstellte: entweder waren es die beiden Uhrmacher Johann Friedrich und Johann Jakob, oder der Uhrmacher Johann Beat der mit seinem Bruder Jakob, der als Schreiner somit für das Gehäuse zuständig gewesen wäre, im selben Haus lebte. Sicher scheint auf jeden Fall, dass das Handwerk nicht in die nächste Generation überging, denn Johann Beats Witwe suchte 1829 per Inserat nach einem Käufer für das komplette Uhrmacherwerkzeug ihres verstorbenen Mannes.

 

Maël Roumois, Praktikant Historische Sammlung (Recherche und Text)