Objekt des Monats Nr. 7: Silberschale

Das siebte Objekt, welches Ihnen die Historische Sammlung des Museum Aargau vorstellt, ist eine auf dem Kunstmarkt ersteigerte Silberschale vom Aarauer Gold- und Silberschmied Fritz Widmer. Sie steht exemplarisch für das Aargauer Schmiedehandwerk und gleichzeitig für einen tiefgehenden wirtschaftlichen Umbruch.

 

Silberschale von Fritz Widmer, Aarau, um 1920 (K-19340)

Silberschale von Fritz Widmer, Aarau, um 1920 (K-19340)

Eine fast 100-jährige Silberschale

Die Silberschale ist im Art Déco-Stil gestaltet und wurde um 1920 gefertigt. Sie liegt auf einem glatten Stand (Durchmesser 12.6 cm) und die Wand besteht aus gegenüberliegenden Schaufeln. Diese sind mit feinem Hammerschlag dekoriert. Auf der Unterseite des Standes befindet sich die Punzierung „F. WIDMER“ sowie den Silber-Feingehalt „800 S“. Dies bedeutet, dass von 1000 Teilen 800 reines Silber und 200 Teile Kupfer sind. Das berühmte Sterling-Silber zum Beispiel besitzt einen Silber-Feingehalt von 925 Teilen reinem Silber und 75 Teilen Kupfer.

 

Entwurfszeichnung von F. Widmer. Man erkennt eine Ähnlichkeit mit der vorgestellten Schale

Entwurfszeichnung von F. Widmer. Man erkennt eine Ähnlichkeit mit der vorgestellten Schale
(Quelle: Jubiläumsschrift 75 Jahre Widmer Aarau)

Die Erfolgsgeschichte der Gold- und Silberschmiede Widmer

Die Meistermarke „F. WIDMER“ stammt vom Gold- und Silberschmied Fritz Widmer (1891-1973). Er ist der Gründer der gleichnamigen Firma, welche heute noch in Familienbesitz ist und weiterhin erfolgreich wirtschaftet.

 

Nachdem Fritz Widmer seine Lehre beim Aarauer Meister Stark abgeschlossen hatte und einige Jahre an der Kunsthochschule München verbrachte, eröffnete er sein erstes Geschäft 1917 an der Laurenztorgasse 7. Ende 1921 verlegt Widmer seinen Laden ins Kaufhaus, im Volksmund „Postfiliale“ genannt. Er wurde stets tatkräftig unterstützt durch seine Gattin, seine Schwester und später seine Tochter. Kurze Zeit später zog er in das einstige Mädchenschulhaus am Graben 22 und nannte sein Geschäft „Zum Silberhof“, wie es auch heute noch heisst. Fritz Widmer war ein gefragter Silberschmied und fertigte Entwürfe für andere Schmiede, wie zum Beispiel Jezler in Schaffhausen.

 

Sein 1921 geborener Sohn Rudolf Widmer wurde 1957 zum Teilhaber ernannt, bevor er 1963 das väterliche Geschäft endgültig übernahm. Fritz Widmers Enkel, Thomas Widmer, geboren 1954, übernahm das Geschäft 1990 in dritter Generation und führt es bis heute erfolgreich zusammen mit seiner Frau.

 

Portrait von Fritz Widmer (1891-1973, Quelle: Jubiläumsschrift 75 Jahre Widmer Aarau)

Portrait von Fritz Widmer (1891-1973, Quelle: Jubiläumsschrift 75 Jahre Widmer Aarau)

Entwicklung und Veränderung des Aargauer Schmiedehandwerks

Zu Zeiten der Eidgenossenschaft förderte die Berner Obrigkeit wie keine andere die Ausübung von Handwerk und Gewerbe in seinem Untertanengebiet. Es erscheint deshalb nachvollziehbar, dass es hauptsächlich die Kleinstädte des Berner Aargaus sind, welche weltliches Silber produzierten. Ausnahmen bilden die beiden Städte Baden und Bremgarten. Als Folge davon mutierten im Laufe des 16. Jahrhundert die Aargauer Städte im Bernischen Hoheitsgebiet allmählich von bäuerlichen Stadtsiedlungen zu Handwerkerstädten mit zunftähnlichen Handwerksgesellschaften. Aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind vor allem Becher, Humpen und Pokale von Aargauer Silberschmieden erhalten, welche in den Rathäusern für grosse Gelage und Feierlichkeiten gebraucht wurden.

 

Dank der wirtschaftlichen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert waren die Aargauer Gold- und Silberschmiede, Fayencehersteller und Ebenisten auf ihrem Höhepunkt angelangt: die im Berner Aargau sehr erfolgreiche Baumwoll-, sowie Tabak- und Strohindustrie generierten viel Reichtum welcher in Luxusgütern investiert wurde. Die neu erstellten Villen und Bürgerhäuser mussten eingerichtet und ausgestattet werden.

 

Vom Gebrauchsgeschirr zur Kunstkreation

Das Silberschmiedehandwerk im Aargau erlitt aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert einen Einbruch, als die industrielle Produktion im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahnen günstige Importe ermöglichte. Die Silberschmiede entwickelten sich weg vom Tafel- und Gebrauchssilber hin zu Schmuck- und Kunstkreationen. Obwohl Fritz Widmer während seiner Anfangszeit auch noch viel Tafelsilber hergestellt hat, war er einer dieser Schmiede, die die Zeichen der Zeit richtig eingeschätzt und demzufolge die Produktion angepasst haben.

 

Maël Roumois, Praktikant Historische Sammlung (Recherche und Text)