Objekt des Monats Nr. 57: Modisches aus dem Freiamt: Ein Skizzenbuch der Hutfabrik Lüthy & Weber

Die Geschichte kennt viele Wirtschaftszweige, die einst ganze Regionen und Länder prägten, an deren Bedeutung heute aber nur noch alte Fabrikhallen und Industrieanlagen erinnern. Ein Beispiel für einen derartigen Wandel ist die Entwicklung der Stroh- und Hutindustrie im Aargauer Freiamt, die selbst stets der Schnelllebigkeit der Modewelt unterworfen war. Nach deren Launen richtete sich auch ein Objekt aus der Sammlung des Museums Aargau: Ein Skizzenbuch der Hutfabrik Lüthy & Weber, Bremgarten, aus der Zwischenkriegszeit

 

Modedesign in Serie

Das äusserlich unscheinbare Objekt – ein mit schwarzem Stoff überzogenes, schmales Notizbuch der Buchdruckerei, Papeterie und Buchhandlung Kasimir Meyer in Wohlen – entfaltet seine Faszination beim Blick auf dessen Inhalt. Auf vorgedruckten Blättern finden sich über vierhundert mit Bleistift gezeichnete Skizzen vielfältiger Damenhutmodelle, von einfachen und konventionellen bis aufwändigen und durchaus ausgefallenen Stücken. Das Atelierbuch der Saison 1934/35 der Hutfabrik Lüthy & Weber in Bremgarten bei Wohlen beschreibt dabei die jeweiligen Modelle und listet deren Materialien, Materialkosten und sogar einen potentiellen Verkaufspreis auf. Sprachlich fuhr man dabei zweigleisig: Neben deutschen Begriffen finden sich im Skizzenbuch auch zahlreiche französische Ausdrücke und Fachtermini. Das überrascht nicht, war doch Wohlen stellvertretend als Kern der Freiämter Hutindustrie als „Klein-Paris“ bekannt.

 

Atelierbuch, Hutfabrik Lüthy & Weber, Bremgarten AG, 1934/35, Inv.-Nr. K-17591.3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stroh auf dem Kopf: Das Aargauer Freiamt und die Hutindustrie

Im 19. Jahrhundert hatte sich das Freiamt im Südosten des Kanton Aargau, insbesondere die Stadt Wohlen und deren Umland, zu einem Zentrum der Strohflechterei und Strohhutproduktion entwickelt. Während die Ursprünge dieser Industrie im bäuerlich-ländlichen Handwerk der Region lagen, durchlief sie eine rasche Industrialisierung, als Fabriken die Heimarbeit und das frühere Verlagssystem ablösten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es im Aargau mehr als 100 in der Strohindustrie tätige Unternehmen, darunter grosse wie der Branchenleader Georges Meyer & Co. AG in Wohlen, und kleinere wie die Hutfabrik Lüthy & Weber in Bremgarten, der Urheber unseres Skizzenbuchs.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten neue Konkurrenz aus Ostasien (China, Japan) und das Aufkommen von Strohalternativen und Kunstfaserstoffen wie Crinol oder Visca der Aargauer Strohflechterei und Hutproduktion zu. Als Modeindustrie war man geprägt von sich ständig in saisonalen Zyklen wandelnden, internationalen modischen Vorstellungen. Das Geschäft war überwiegend exportorientiert, man unterhielt Filialen in Metropolen wie Paris, Florenz, London oder New York. Die unaufhörliche Kreation neuer Modelle und Muster war entsprechend unabdingbar. 1934/35 war Kreativität besonders wichtig: Die seit Beginn der 1930er-Jahre anhaltende Weltwirtschaftskrise erhöhte den Druck auf die Produzenten. Auch die neuen Verarbeitungsarten und Rohstoffe mussten berücksichtigt werden. Wie das Skizzenbuch von Lüthy & Weber zeigt, war Stroh auch dort nur mehr ein Stoff von vielen, die zu modischen Hüten verarbeitet wurden. Einen letzten Aufschwung erlebte die Aargauer Hutindustrie nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Doch schon in den 1960er-Jahren begann eine ‚hutlose‘ Zeit, die den endgültigen Niedergang des Gewerbes einleitete.

 

 

Damenhut (Stroh o. Sisal), Georges Meyer & Co. AG, Wohlen, ca. 1930-1950, Inv.-Nr. K-17307

 

 

 

Aus der Mode – aber nicht aus der Erinnerung

Als die Zeit der Stroh- und Hutindustrie langsam zu Ende ging – eine neue, rebellische Jugend lehnte bürgerliche Etikette und dessen Modediktat ab, während der Verzicht auf den Hut zudem speziell für Frauen ein geschlechteremanzipatorisches Element hatte – begann gleichzeitig bereits der historisch-nostalgische Blick auf die ehemalige Freiämter Leitindustrie.

Das Historische Museum Aargau erwarb 1966 eine grosse Sammlung an Objekten zur Strohindustrie und stellte diese zwei Jahre später auf Schloss Lenzburg aus. Neben zahlreichen kunstvoll gefertigten Beispielen von Stroh- und anderen Hüten, Garnituren und Accessoires kamen so auch Dokumente aus der Produktion verschiedenster, grösserer und kleinerer Wohler und anderer Aargauer Strohbetriebe in die Sammlung des Museums, darunter auch das Skizzenbuch. Noch heute faszinieren diese Objekte als Zeugnisse einer äusserst kreativen und produktiven Phase Aargauer Industrie- und weltweiter Modegeschichte. Und den Zyklen der Mode folgend hat die Hutindustrie in den letzten Jahren gar ein kleines Revival erfahren: Hüte sind wieder en vogue und Unternehmen wie die Aargauer Risa, deren Ursprünge selbst in der Blütezeit der Freiämter Strohhutindustrie liegen, stellen erneut in Handarbeit klassische Modelle her.

 

„Wohlen, Mittelpunkt der aargauischen Strohindustrie“, gedruckt in der Zeitung der Schweizerischen Landeausstellung in Zürich, 1883 (Bildquelle: D. Kuhn et al. (Hg.), Strohzeiten, Aarau 2013, S. 87)

 

 

 

Michael Brunner, MA, Praktikant Sammlung (Recherche und Text)