Objekt des Monats Nr. 56: Bluffen für Vornehme – Ein Poch-Spielbrett von 1760

Spielen ist eine der universalen menschlichen Aktivitäten. Enthalten Spiele einen Glücksfaktor wird diese grundlegende Faszination des Homo ludens, des spielenden Menschen, sogar noch um die Komponente des Nervenkitzels erweitert. Dass dies vor einem Vierteljahrtausend nicht anders war, zeigt ein spezielles Objekt aus der Sammlung des Museum Aargau: ein Spielbrett aus dem 18. Jahrhundert.

 

Handwerkskunst zum Spielen

Mit seinen 32 Zentimeter Durchmesser hat das achteckige Spielbrett ähnliche Dimensionen wie heutige Brettspiele, die in der Regel an einem Tisch gespielt werden. Das reich verzierte Brett steht auf zwei (ursprünglich vier) gedrechselten Füssen und ist aus Eichenholz gefertigt. In acht eiförmigen Vertiefungen sind Kartenfiguren und –kombinationen gemalt, auf die die Spieler im Spielverlauf Einsätze setzen können. Die Inschrift im Zentrum des Holzgeräts macht deutlich, für welches Spiel das Brett gedacht war: Für das „bock spill“ (Poch-Spiel). Die Vertiefungen mit den Kartenmotiven sind jeweils mit Umschriften versehen, die sich auf die Funktion der Figuren beziehen und spielerisch wie keck den Spieler ansprechen. So meint der Zweizeiler zu Figur der „Sau“: „Hast du die trump Sau in der Hand, so Zieh das Ihre, ist kein Schand“.

 

Spielbrett „bock spill“, 1760 (Inv.Nr. S-2734)

 

 

 

Das „bock spill“ und seine Verwandten

Pochen war und ist ein weitgehend auf Glück basierendes Kartenspiel, das sich aus drei voneinander getrennten Spielphasen zusammensetzt. Das Spielbrett wird in den ersten beiden Phasen verwendet. Bevor sie ihre Karten erhalten, legen die Spieler in die Pochfächer ihre Einsätze und hoffen darauf, mit den ihnen ausgespielten Händen die den Fächern zugeteilten Figuren und Kombinationen zu treffen. In der zweiten Phase folgt dann das eigentliche „Pochen“, bei dem die Spieler weitere Einsätze setzen, ihre Gegenspieler überbieten und letztlich auch „bluffen“ können.

Das Pochen dürfte um 1500 aus einer Verbindung von verschiedenen älteren Spielen entstanden sein, bis in die Moderne blieben seine Regeln aber flexibel und regional vielfältig. Verwandt ist es mit dem englischen Kartenspiel Pope Joan oder dem französischen Nain jaune, die beide ebenfalls mit einem Spielbrett mit Fächern für Einsätze gespielt wurden. Es wird zudem vermutet, dass das Pochen einer der Vorläufer des Poker-Spiels war. Neben dem Spielelement des Spekulierens und dem Bieten von Einsätzen verweist die etymologischen Verwandtschaft der Spielenamen (dt. „pochen“, frz. „poque“, engl. „poker“) darauf hin. Der Ausdruck ‚Pochen‘ trug neben seiner heutigen Bedeutung ursprünglich übrigens auch – ganz im Sinne der erwähnten Spiele – den Sinn von „Prahlen“ und „Herausfordern“.

 


Pope-Joan-Spiel, Politische Satire, England 1805 (Quelle: British Museum, London)

 

 

 

Ausgespielt: Vom Spiel- zum Museumsgegenstand

Das Objekt gehörte zur Ausstattung von Schloss Lenzburg. Diese wird heute von der Sammlung des Museum Aargau verwaltet, nachdem der Kanton Aargau 1956 das Schloss erwarb und es später zum Kern des Museums machte. Die Inschrift auf dem Poch-Brett legt nahe, dass das Spielutensil 1760 hergestellt wurde. Das Spielbrett wurde wohl in einer süddeutschen Werkstatt hergestellt. Nahezu identische Exemplare mit jedoch anderer Jahreszahl sind bspw. in Museumsammlungen in München oder Nürnberg zu finden. Bis 1798 residierten die Berner Landvögte auf Schloss Lenzburg, zwischen 1757 und 1765 war dies Bernhard von Diesbach, wie seine Vorgänger und Nachfolger ein Mitglied der Stadtberner Obrigkeit. Gut möglich, dass der Landvogt selbst dem Glückspiel frönte: Wie das aufwändige, kunstvoll bemalte Spielbrett vermuten lässt, war dies eine durchaus teure Anschaffung und das „Pochen“ zugleich auch mehr Erwachsenenunterhaltung denn Kinderspiel.

 

 

Rekonstruierte Landvogtstube, Wohnmuseum, Schloss Lenzburg, Museum Aargau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Michael Brunner, MA, Praktikant Sammlung (Recherche und Text)