Objekt des Monats Nr. 54: Mittelalterlicher Gürtel aus Königsfeldener Gruft

Das aktuelle Objekt des Monats ist ein reich verzierter Prunkgürtel, der in der Gruft Friedrichs von Greifenstein in der Klosterkirche Königsfelden gefunden wurde. Das Objekt ist ein eindrückliches Beispiel spätmittelalterlicher Goldschmied- und Handwerkskunst. Seine Bedeutung geht aber über den rein ästhetischen Wert hinaus: Der Gürtel ist gleichzeitig Zeugnis der Geschichte der Habsburger-Dynastie, der frühen Eidgenossenschaft, des Aargau und auch der Sammlung Museum Aargau.

 

Ritterliche Extravaganz zum Umschnallen

Der eineinhalb Meter lange und einen Zentimeter schmale Gürtel fällt durch seine silbervergoldeten Besatzstücke in der Form von hohlen Halbkugeln und die kunstvoll gefertigten Schnalle und Senkel auf. Als der Gürtel gefunden wurde, waren nur noch Fragmente des Originalgürtelbandes vorhanden. Es wurde daher Ende des 19. Jahrhunderts durch eine Kopie ersetzt. Doch auch vor gut hundert Jahren passierten Fehler: Bei der Restaurierung wurde die Schnalle irrtümlicherweise verkehrt herum angebracht, so dass nun die Rückseite nach aussen zeigt. Das Kleidungsstück hatte wohl hauptsächlich eine repräsentative Funktion; es wurde gar spekuliert, ob der Gürtel ein Insignium des exklusiven, österreichischen Ritterordens „Vom Zopf“ gewesen sei.

 

Gürtel aus Königsfeldener Gruft, um 1386 (Inv. K-709)

 

 

Habsburger und Eidgenossen in Sempach und im Aargau

Friedrich von Greifenstein war einer von 27 Rittern, die 1386 in der Schlacht bei Sempach mit dem Habsburger Herzog Leopold III. fielen und in der der Kirche des Klosters Königsfelden, seit seiner Gründung 1309 die wichtigste Grabstätte der Habsburger, beigesetzt wurden. Zusammen mit Rittern aus Schwaben, dem Elsass, dem Aargau, dem Thurgau und Tirol, sowie italienischen, französischen und deutschen Söldnern, war der Adlige aus dem Südtirol seinem Lehnsherrn in den Krieg gefolgt, in welchem die Territorialinteressen der Habsburger und Eidgenossen aufeinanderprallten. Die Niederlage von Herzog Leopolds Armee in Sempach war entscheidend für die Expansion und Festigung der jungen Eidgenossenschaft. 30 Jahre später (1415) eroberte Bern für die Eidgenossenschaft den Aargau. Das Haus der Habsburger verlor damit den grössten Teil seiner ursprünglichen Stammlande auf dem Boden der heutigen Schweiz.

 


Friedrich von Greifenstein (rechts) und weitere Habsburger Ritter, Klosterkirche Königsfelden, Ende 14. Jh., 1533/34 neu gemalt (Quelle: Museum Aargau)

 

 

Geschichtsträchtig und begehrt: Der Gürtel im Museum

Das wertvolle Stück wurde 1891 bei Restaurationsarbeiten in der Klosterkirche entdeckt, als man die Gräber der in Sempach gefallenen Ritter öffnete. Im späten 19. Jahrhundert, als sich im jungen schweizerischen Bundesstaat ein Bewusstsein um die Bedeutung von Altertümern und historischen Kulturgütern entwickelte, stiess der Fund auf grosses Interesse. Er gelangte ins Kantonale Antiquarium in Aarau (und so später ins Museum Aargau), und wurde um 1900 mehrmals restauriert. Zudem fertigte der landesweit bekannte Luzerner Goldschmied und Kunsthändler Johann Bossard eine Kopie des Gürtels für das erst kurz zuvor gegründete Landesmuseum in Zürich an.

Gänzlich offengelegt sind die Mysterien des Gürtels trotzdem nicht, Einiges ist bis heute ungeklärt: War das Skelett, um dessen Hüfte der Gürtel bei seinem Fund gebunden war, tatsächlich jenes von Friedrich von Greifenstein, oder gehörte es einem anderen, in derselben Gruft begrabenen Ritter? Wurde das wertvolle Stück gar erst nachträglich als Grabbeigabe gestiftet? Und handelt es sich bei dem Prunkgürtel wirklich um ein Ordensband? Trotz oder gerade wegen dieser offenen Fragen bleibt der Gürtel eines der spannendsten und begehrtesten Objekte der Sammlung des Museum Aargau. Und so schmückt er heute nicht mehr Ritter und Adelige, sondern Kataloge und Ausstellungen im In- und Ausland – und ist aktuell auf Schloss Lenzburg in der Dauerausstellung „Rittertum und Adel“ zu sehen.

 

West-Seite der Klosterkirche Königsfelden im Abendlicht. HDR

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Michael Brunner, MA, Praktikant Sammlung (Recherche und Text)