Objekt des Monats Nr. 49: Erinnerung an den Grossen Krieg – Ein Plakat mit den Porträts der Schweizer Heerführer

Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands in einem Eisenbahnwaggon im französischen Compiègne am 11. November 1918 zu Ende. Obwohl die Schweiz nicht zu den kriegführenden Ländern gehörte, bekam ihre Bevölkerung die Auswirkungen des Krieges mit voller Wucht zu spüren.

 

Ein Plakat des Aarburger Verlags Burk-Ruegsegger

An die schwierige Zeit der „Grenzbesetzung“

© Museum Aargau

von 1914 bis 1918 erinnert aus militärischer Perspektive ein hochrechteckiges Plakat (66,6 cm x 49 cm), das in einem Jahr kurz nach Kriegsende vom Aarburger Verlag Burk-Ruegsegger hergestellt wurde. Es zeigt auf hellblauem Grund und auf vier Zeilen die Porträts der Heeresführer der Schweizer Armee in Uniform, die während des Ersten Weltkrieges Dienst geleistet hatten. Ihre Namen sind unter den lorbeerumsäumten, ovalen oder rechteckigen Porträts jeweils auf weissen Schriftbändern vermerkt. Das Plakat wird im Kopfbereich von der Überschrift „Die Schweizer-Heerführer Grenzbesetzung“ in den drei Landessprachen eingeleitet. Das deutschsprachige Schriftband in der Mitte ist mit Purpur-Enzianen bzw. Edelweissen, zwei typischen Schweizer Alpenblumen, geschmückt.

 

Erster Weltkrieg und Erinnerungskultur

Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, der noch bei vielen Menschen präsent ist, bleibt die Erinnerung an die Schweiz während des Ersten Weltkrieges zuweilen diffus. Gerade weil diese Zeit der „Grenzbesetzung“ nicht zu den bekanntesten in der Bevölkerung gehört, sind Objekte, welche diese dokumentieren, für die Historische Sammlung Museum Aargau äusserst wichtig. Dementsprechend erfreut waren ihre Mitarbeitenden, als sie 2012 das Plakat von einer Donatorin aus Meisterschwanden in die kantonale Sammlung aufnehmen durften. Über seine Verwendung ist nur wenig bekannt. Es stammt wohl aus dem Besitz ihres Vaters oder Grossvaters. Neben solchen Erinnerungsplakaten war es zu den Lebzeiten dieser Generation geläufig, dass an den Wänden von Wirtshäusern die Porträts der beiden Generäle Ulrich Wille und Henri Guisan als „Beschützer“ der Nation prangten. Allerdings war General Wille, der auf dem „Objekt des Monats“ zusammen mit dem Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg oben in der Mitte abgebildet ist, eine polarisierende Figur. Seine offene Sympathie für das Deutsche Kaiserreich und der durch Drill geprägte Aktivdienst sorgte insbesondere in der welschen Schweiz und in linken Kreisen für Unbehagen.

 

General Wille (auf dem Pferd rechts aussen sitzend) und sein Stab bei einem Defilee in Bern (Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kanton Aargau im Ersten Weltkrieg

Die Wahl von Ulrich Wille zum General wurde im Aargau mit Befriedigung aufgenommen, denn die Mehrheit der Aargauer war entschieden deutschfreundlich gesinnt. Das Gros der Aargauer Truppen rückte am 4. August 1914 im Aarauer Schachen ein. Die Bevölkerung wurde im Jahr 1917 an den Ernst der Kriegslage erinnert, als in der Nacht vom 5./6. Dezember ein verirrtes französisches Flugzeug über Menziken fälschlicherweise mehrere Fliegerbomben abwarf. Der Krieg setzte dem Kanton auch wirtschaftlich zu. Diese Entwicklung führte zu sozialen Spannungen, welche sich bei Kriegsende im ausgerufenen Landesstreik entluden. Im Aargau waren vor allem die Städte Brugg, Baden und Aarau von Streiks betroffen. Keiner hat sich so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt wie der Badener Historiker Willi Gautschi (1920-2004). Seine Beiträge zum Landesstreik gehören heute noch zu den Standardwerken.

 

Das Streikkomitee in Brugg (Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-19199