Objekt des Monats Nr. 48: Fotografie von Frank Wedekind – ein Schlossbewohner mit Skandalpotential

Einer der bekanntesten Bewohner von Schloss Lenzburg ist zweifellos der deutsche Schriftsteller und Dramatiker Frank Wedekind (1864-1918). Hinter den dicken Schlossmauern verbirgt sich auch ein Teil seines Nachlasses, das „Wedekind-Archiv“, ein Schatz mit internationaler Ausstrahlungskraft.

 

Fotografie in einem Nadelholzrahmen

© Museum Aargau

Die um den Jahrhundertwechsel zu datierende Fotografie zeigt Frank Wedekind, der auf einem Stuhl sitzt und eine Tänzerin küsst. Die Fotografie ist in einen Rahmen aus

Nadelholz eingefasst. Es handelt sich um eine Szene aus der 1885 erschienenen Tragödie „Erdgeist“, die am 25. Februar 1898 im Leipziger Krystallpalast uraufgeführt wurde. Die einzelnen Akte sind abgeschlossene Stationen aus dem Leben des freizügigen Mädchens Lulu, das seine Umgebung in den Bann zu ziehen vermag. Auf der Fotografie wird Lulu von Wedekinds Frau Tilly gespielt, welche die Hauptrollen in mehreren seiner Theaterstücke übernahm. „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“ wurden später in der Bühnenfassung „Lulu“ vereint, die aufgrund der langen Entstehungsdauer von 21 Jahren als sein Hauptwerk gilt.

 

Frank Wedekind in Lenzburg

Wedekind gehörte dem niedersächsischen Geschlecht Wedekind zur Horst an. Nach Aufenthalten in den Vereinigten Staaten emigrierte seine Familie in die Schweiz, wo der Vater Friedrich Wilhelm Wedekind (1816-1888) im Jahr 1872 das Schloss Lenzburg

käuflich erwarb. Frank Wedekind verbrachte dort seine Jugendjahre. Als 1956 das Schloss Lenzburg in den Besitz des Kantons Aargau überging, wurde die Fotografie von Frank Wedekind als Teil der Ausstattung erworben. Für die Historische Sammlung Museum Aargau sind Objekte, die das Leben des bekannten ehemaligen Schlossbewohners dokumentieren, von grösster Bedeutung. Im „Wedekind-Archiv“ der kantonalen Sammlung befinden sich vor allem Dokumente, Korrespondenzen, Zeitungsausschnitte und Fotografien. Hervorzuheben ist ein Klassenfoto um das Jahr 1879, als Frank Wedekind die Lenzburger Bezirksschule besuchte. Am Lenzburger Kronenplatz erinnert heute eine Gedenktafel an den Schriftsteller und Dramatiker, der mit seinen gesellschaftskritischen Theaterstücken im wilhelminischen Deutschen Kaiserreich für beträchtlichen Aufruhr sorgte.

Klassenfoto der Bezirksschule Lenzburg mit Frank Wedekind (2. Reihe, 2. v. l.)(D-450 © Museum Aargau)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Bürgerschreck Wedekind“

Frank Wedekind widersprach mit seinen wechselnden Partnerinnen, mit denen er mehrere Kinder hatte, den Konventionen seiner Zeit. Das auf Wunsch des Vaters zweimal angefangene Studium der Rechtswissenschaften gefiel ihm nicht und er brach es schliesslich ab. Bevorzugt hielt sich Wedekind in Künstlerkreisen auf. Als Schriftsteller, Journalist, Kabarettist, Dramatiker und Schauspieler wollte er die bürgerliche Gesellschaft provozieren. Kritik an deren Scheinmoral, an schulischer Dressur und Lustfeindlichkeit übte er etwa auch in seiner Tätigkeit als Mitarbeiter der Satirezeitschrift „Simplicissimus“. Seine Spottgedichte „Meerfahrt“ und „König David“ über eine Reise Kaiser Wilhelms II. nach Palästina im Jahre 1898 bescherten ihm sechs Monate Festungshaft wegen „Majestätsbeleidigung“. Insbesondere der sexuell anstössige Inhalt seiner Werke trug dazu bei, dass seine Texte als sittenwidrig wahrgenommen und mehrmals beschlagnahmt oder verboten wurden. Obwohl Wedekind stets im Kreuzfeuer der Kritik stand, gehörte er zu den meistgespielten Dramatikern seiner Zeit.

Gedenktafel für Frank Wedekind am Kronenplatz unterhalb von Schloss Lenzburg © Museum Aargau

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. S-3551