Objekt des Monats Nr. 42: Der „Pestsarg“ von Mandach

Lange galt er als verschollen und eher per Zufall wurde er 2004 wiederentdeckt. Die Rede ist von einem besonderen Objekt, das sich im Sammlungszentrum Egliswil befindet: Der „Pestsarg“ von Mandach.

 

Ein Sarg aus Nadelholz
Vom ursprünglich zusammengefügten Sarg (36 cm x 52 cm x 195 cm) aus dem Jahr 1548 sind nur noch die beiden Seitenwände und der Boden aus gezimmerten Nadelholzbrettern erhalten. An einer seitlichen Wand befinden sich lange Scharniere, deren losen Abschnitte ursprünglich mit dem Deckel verbunden waren. An der zweiten Wand befinden sich Haken, unter die beim Leichenzug die Tragholme geschoben werden konnten. Anders als bei Pestsärgen üblich, war der Boden nicht mit einem Klappmechanismus ausgestattet, sondern mit Stiften aus Buchenholz von unten befestigt. Nägel, ein rechteckiges Loch im Bodenbrett, sowie Spuren von Taubenkot verweisen darauf, dass die Bretter zeitweise als Taubenschlag genutzt wurden.

Der zusammengefügte „Pestsarg“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der älteste Sarg für Mehrfachbestattungen
Der Weg, über den der „Pestsarg“ 2011 in die Historische Sammlung Museum Aargau gelangte, ist eine abenteuerliche Geschichte: Der Sarg wurde erstmals 1939 auf dem Dachstock der Kirche in Mandach identifiziert, nach einer Sendung im Radio Beromünster über die beiden Pestsärge von Leutwil. Seit der Kirchenrenovation von 1948 galt er als verschollen, weil er von den Bauarbeitern ahnungslos „verholzt“ worden sei. Erst 2004 wurden seine Einzelteile von Susi Zeller, der damaligen Präsidentin der Kirchenpflege Mandach und Betreuerin einer Fledermauskolonie im Estrich, wiederentdeckt. Die Bretter dienten dort als Unterlage zur Stapelung von Dachziegeln. 2008 wurden die Bretter im Auftrag der Denkmalpflege dendrochronologisch untersucht. Die Untersuchung brachte erstaunliche Ergebnisse zutage: Die Altersbestimmung aufgrund der Jahrringe ergab aufs Jahr genau 1548 und übertraf damit den Pestsarg von Spiringen, der gemeinhin als ältester erhaltener Mehrfachbestattungssarg in Europa galt, um 15 Jahre.

Die Bretter des "Pestsargs" bei der Entdeckung im Estrich der Kirche von Mandach

Die Bretter des „Pestsargs“ bei der Entdeckung im Estrich der Kirche von Mandach

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein eindrückliches Zeugnis frühneuzeitlicher Sepulkralkultur
Der „Pestsarg“ von Mandach gehört entwicklungsgeschichtlich zum frühen Typus, bei dem der Boden noch fest vernagelt war. Dieser Sargtypus, bei dem der Leichnam ins Grab umgebettet werden musste, ist vor allem in Bildquellen aus dem 15. Jahrhundert belegt und äusserst selten erhalten.
Eine Weiterentwicklung im 16. Jahrhundert waren die „Klappsärge“, bei denen die Umbettung des Leichnams wegfiel, weil deren Deckel sich mittels Gelenkspangen öffnen liessen. Wahrscheinlich wurde der Sarg von Mandach wohl nicht im Hinblick auf Zeiten stark erhöhter Sterblichkeit infolge einer Pestepidemie für die Gräber hergestellt, sondern als „Transportsarg“. Diese waren von Kirchgemeinden für ärmere Gemeindemitglieder vorgesehen, die sich keinen Individualsarg leisten konnten. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass während der Pest von 1593 bis 1597 und jener von 1668 auch Pesttote im Mandacher Sarg transportiert wurden. Im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts wurde die Sargbestattung im gesamten deutschsprachigen Gebiet üblich und schliesslich setzte sich der Individualsarg im 19. Jahrhundert durch. Die dadurch funktionslos gewordenen Transportsärge wurden meistens zerstört, seltener eingelagert oder – wie im Fall von Mandach – umgenutzt. Somit blieben nur wenige Exemplare dank der Aufmerksamkeit einzelner Personen erhalten.

Mitarbeiter des Museum Aargau beim Abtransport eines Sargbretts

Mitarbeiter des Museum Aargau beim Abtransport eines Sargbretts

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Blogbeitrag basiert auf einem Artikel von Stefan Hess: „Der sogenannte Pestsarg von Mandach – ein aufschlussreiches Zeugnis frühneuzeitlicher Sepulkralkultur. In: Argovia. Bd. 125 (2013), S. 124–133″.

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-19135