Objekt des Monats Nr. 4: Klappsonnenuhr

Eines nach dem anderen kommen die vielen Schätze der Historischen Sammlung des Museum Aargau ans Tageslicht. Heute stellen wir Ihnen eine Klappsonnenuhr aus Elfenbein vor, die einst einem Soldaten gehörte.

 

 Der „blutige“ Weg in die Historische Sammlung

Der Soldat fiel in der Schlacht bei Villmergen 1712. Auf dem Schlachtfeld wurde sein topographisches Etui gefunden und darin befand sich diese Klappsonnenuhr. Nachdem sie damals dem Kloster Muri übergeben wurde, gelangte sie 1841 in den Besitz des Kanton Aargau. Das war zu einem Zeitpunkt, als nach und nach Klosterschätze und Alltagsgegenstände dem Antiquarium, die vom Kanton Aargau finanziell unterstützte historische Sammlung, übergeben wurden.

 

Die Klappsonnenuhr in der Historischen Sammlung des Museum Aargau (K-1139)

Die Klappsonnenuhr in der Historischen Sammlung des Museum Aargau (K-1139)

 

Kleiner Zeitmesser für Sonnentage

Das genaue Alter der Klappsonnenuhr ist unbekannt, sie stammt aber höchstwahrscheinlich aus dem 17. Jahrhundert. Das Objekt setzt sich aus zwei rechteckigen Platten zusammen, die an den Schmalseiten durch Eisenhaken miteinander verbunden sind und sich rechtwinklig aufklappen lassen. In aufgeklapptem Zustand würde ein zwischen beiden Platten gespannter Faden – auch Gnomon genannt – als Polfaden dienen. Bei diesem Objekt ist er allerdings nicht mehr vorhanden. In der Grundplatte ist ein Kompass eingelassen. Auf beiden Platten sind Ziffernblätter graviert.

Um die Zeit anzuzeigen, muss man die Grundplatte waagrecht halten und mit dem eingebauten Kompass nach Norden richten: der Faden liegt dann parallel zur Erdachse und sein Schatten folgt exakt dem Gang der Sonne. Zeigen beide Ziffernblätter auf den Platten die gleiche Zeit an, ist die Klappsonnenuhr richtig eingestellt.

 

Erste Sonnenuhren

Die ersten Sonnenuhren aus dem späten 15. Jahrhundert waren meist auf die geographische Position des Erzeugungsortes geeicht. Dieses Problem wurde damit behoben, indem mehrere Löchlein in die obere Platte gebohrt wurden, und der Schattenwerfer (Faden) somit in verschiedene Schräglagen gebracht werden konnte, was aber bei diesem Exemplar nicht der Fall ist.

 

"Hannß Tucher seines Handtwerckhs ein Compastenmacher" (Quelle: Stadtbibliothek Nürnberg)

„Hannß Tucher seines Handtwerckhs ein Compastenmacher“ (Quelle: Stadtbibliothek Nürnberg)

Die Nürnberger Compastenmacher

Zentren der Klappsonnenuhrenproduktion waren das französische Dieppe und die deutschen Städte Nürnberg und Augsburg. Bereits im späten 15. Jahrhundert war die Klappsonnenuhr ein Hauptausfuhrartikel Nürnbergs und im Jahr 1535 erliess der Nürnberger Magistrat eine eigene Handelsordnung für dieses Handwerk, die „Compastenmacher Ordnung“. Darin wurde alles festgelegt, was den Beruf der sogenannten Compastenmacher, benannt nach dem Kompass auf dem die ganze Klappsonnenuhr aufbaut, betrifft. Neben den Einzelheiten zu Ausbildung, Meisterprüfung, Meisterzeichen wurde auch bestimmt, welche Materialen die Compastenmacher verwerten durften. So war ausser Elfenbein ausschliesslich Buchs- und Birnbaumholz erlaubt.

 

Vom Gebrauchsgegenstand zum Luxusartikel

Da ebenfalls in Nürnberg seit dem Beginn des 16. Jahrhunderts die Entwicklung der Taschenuhr mit Federaufzug vorangetrieben wurde, wurden die Klappsonnenuhren immer mehr zu Luxusartikeln. Sie waren häufig kunstvoll verziert und ausgestaltet und ausschliesslich aus edlen Materialien. Experten sind der Meinung, dass die technischen Angaben auf der Klappsonnenuhr oftmals nur zur Verzierung dienten und belanglos und teilweise sogar falsch waren. Gleichzeitig sei dahingestellt, ob der Besitzer eines Compasten überhaupt alle Indikatoren und Umrechnungstabellen verstanden hat. Nichtsdestotrotz fanden die Klappsonnenuhren Einzug in diverse Kunstkammern – ähnlich des Globus der vom wissenschaftlichen Objekt zum typischen Ausstattungsobjekt der Salons und Clubs avancierte.

 

Maël Roumois, Praktikant Historische Sammlung (Recherche und Text)