Objekt des Monats Nr. 34: Ausserordentlich seltene Lenzburger Schützenwaffe

Im Sammlungszentrum Egliswil befinden sich Objekte, die besondere Raritäten sind. Das aktuelle „Objekt des Monat“ ist zudem eines mit lokalem Bezug: Eine äusserst seltene Schützenwaffe, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Lenzburg hergestellt wurde.

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Schützenwaffe mit Nussbaumschaft

 

Die insgesamt 165cm lange Waffe mit Kaliber 18mm und Pendelvisier hat eine Steinschlossbüchse. Es handelt sich dabei um einen Auslösemechanismus, der mit einem Feuerstein zündet. Der Nussbaumschaft weist einen Kolben mit Risstelle auf, unterhalb von ihm ist der Stecherabzug befestigt. Zwei identische Meistermarken, die aus einem „CH“ über einem Pflugschar und Dreiberg bestehen, wurden in Messing geschlagen. Die Initialen stehen für den Lenzburger Büchsenmacher Caspar Hartmann, der bereits im zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts den Waffenlauf hergestellt hat. Dieser wurde im 18. Jahrhundert mit einem Steinschloss von der ebenfalls in Lenzburg tätigen Büchsenschmiedefamilie Bertschinger remontiert. Das Endprodukt trägt schliesslich auf der Schlossplatte die Signatur ihres Familiennamens.

 

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Das Schützenwesen – ein Aargauer Traditionssport

 

Im Kanton Aargau kann das Schützenwesen auf eine lange Tradition zurückblicken. Umso wichtiger war es, dass die Historische Sammlung Museum Aargau die seltene Lenzburger Schützenwaffe 2004 vom Auktionshaus Stuker in Bern erwerben konnte. Das Objekt wurde nach dem Eingang inventarisiert und ins Sammlungszentrum Egliswil gebracht. Dort steht die Waffe für zukünftige Ausstellungen und für die Forschung bereit. Originale Steinschlossgewehre und -pistolen sind heute selten und teuer. Dieser Umstand ist vor allem auf eine technologische Entwicklung zurückzuführen: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der grösste Teil von ihnen auf Perkussionszündung umgestellt. Bei diesem Mechanismus schlägt der Hammer auf ein aussen am Lauf aufgestecktes Zündhütchen, was direkt – und nicht indirekt wie beim Steinschloss – die Hauptpulverladung zündet. Diese Umstellung brachte grosse Vorteile und setzte sich bei Militär- und Zivilwaffen schliesslich durch: Das Perkussionsschloss ist unempfindlicher gegenüber Witterungseinflüsse und die Augen mussten durch den ausbleibenden Pulverblitz nicht geschlossen werden, was die Präzision erheblich steigerte.

 

Die Schützengesellschaft «zuo Lentzburg»

 

Grosse Bedeutung kam dem Kanton Aargau im Zusammenhang mit dem Schützenwesen 1824 zu, als in Aarau der Schweizerische Schützenverband gegründet wurde. Bereits im Spätmittelalter exisiterten verschiedene Schützenverbände, ab 1415 sind Armbrustschützen der Stadt Lenzburg dokumentiert und Ende des 15. Jahrhunderts übten die ersten Büchsenschützen den scharfen Schuss. Die heutige Schützengesellschaft Lenzburg setzt ihr Entstehen auf das Jahr 1464 an, als die Bruderschaft St. Wolfgang «zuo Lentzburg» gegründet wurde. Wahrscheinlich kam während ihren Schützenfesten auch die von Hartmann und Bertschinger hergestellte Schützenwaffe zum Einsatz. Mehrere Vertreter der beiden Familien waren im 17. und 18. Jahrhundert in Lenzburg als Büchsenschmiede tätig. Die Waffe dokumentiert aber nicht nur das Handwerkgewerbe und den Wandel der Waffentechnologie, sie stellt auch eine kunsthandwerkliche Perle dar. So ziert beispielsweise das Stadtwappen mit den Initialen „LB“ die Waffe. Ein zusätzlicher Grund, weshalb sie den Sammlungsbereich Militaria von Museum Aargau sinnvoll ergänzt.

 

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Büchsenschiessstände auf einem Schützenfest, 1504

 

 

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-17395