Objekt des Monats Nr. 32: Das Gästebuch auf Schloss Lenzburg verströmt einen Hauch Polarluft

Das „Objekt des Monats“ ist das Gästebuch einer bekannten Besitzerfamilie von Schloss Lenzburg. Der amerikanische Grossindustrielle James Ellsworth gab es 1911 im Zuge des Erwerbs von Schloss Lenzburg bei der Firma „Michallet“ in Frankreich in Auftrag. Sein Sohn Lincoln sorgte mit pionierhaften Polarexpeditionen für grosses Aufsehen. Das „Objekt des Monats“ verschafft deshalb in der aktuellen Hitzewelle eine willkommene Abkühlung.

 
Ein beredtes Zeugnis der internationalen Kontakte der Ellsworth’s

 

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Das in der Historischen Sammlung aufbewahrte Gästebuch ist in Ziegenleder eingefasst und weist auf dem Deckel die Einprägung „SCHLOSS LENZBURG“ auf. Der Buchdeckel ist mit blindgeprägten Stempeln und Streicheisenverzierungen versehen. Die im Gästebuch enthaltenen unbeschnittenen Büttenpapierblätter entsprechen mit einem 37 cm hohen Buchrücken dem Format „Gross-Quart“. Die Familie Ellsworth erhielt Besuch aus aller Welt: Ins Gästebuch eingetragen haben sich etwa George Ellery Hale, amerikanischer Astronom, und die deutsche Opernsängerin Erika Wedekind, die selbst auf Schloss Lenzburg aufgewachsen ist. Nachgewiesen ist ebenfalls ein Eintrag eines Besuches von fünf Bundesräten (Edmund Schulthess, Robert Haab, Heinrich Häberlin, Giuseppe Motta, Karl Scheurer), wichtigen eidgenössischen Diplomaten und hohen Bundesbeamten im Rahmen eines „Bundesratsreisli“ am 1. September 1928.

 

„Ein absoluter Glücksfall“

Das Gästebuch ist für die Historische Sammlung von grösster Bedeutung, weil es vom Leben der letzten privaten Besitzer der Lenzburg zeugt. Schlossgeschichte ist immer auch Familiengeschichte. Es konnte bei den Koller Auktionen im September 2015 zusammen mit weiteren Objekten ersteigert werden. Zum Konvolut Ellsworth gehörten der originale Kaufvertrag, 46 seltene Aussen- und Innenaufnahmen des Schlosses sowie ein Fotoalbum der Nordpolexpeditionen mit 30 historischen Silbergelatine-Abzügen. Eines der Fotos zeigt Lincoln Ellsworth mit dem Norweger Leif Dietrichson bei der Hissung der norwegischen Flagge in der Nähe des Nordpols 1925. K-21629Die Ersteigerung der Objekte war eine Zitterpartie: Falls ein Vertreter eines amerikanischen Museums auf der Auktion aufgetaucht wäre, hätte das Museum Aargau wohl keine Chancen gehabt, das Konvolut für die kantonale Sammlung zu gewinnen. Das Medienecho war dementsprechend gross. Als die „Schlüsseldokumente zur Geschichte der Lenzburg ersteigert“ (Lenzburger Woche) waren, berichtete sogar das Schweizerische Fernsehen auf seiner Website über die „kleine Sensation“ (Aargauer Zeitung).

 

 

Die Ellsworth’s auf Schloss Lenzburg

James Ellsworth, der mit Kohleminen und im Bankgeschäft reich geworden war, kaufte Schloss Lenzburg 1911 für 550’000 Schweizer Franken, was heute rund fünf Millionen Franken entspricht. Er erwarb in ganz Europa Antiquitäten und stellte sie in den Räumlichkeiten aus, so etwa im „Amundsen-Zimmer“ im Südturm. Sein Sohn Lincoln, der das Schloss 1925 geerbt hatte, plante dort zusammen mit dem Norweger Roald Amundsen zahlreiche Polarexpeditionen. Im gleichen Jahr hatten sie in zwei Dornier-Wal-Flugbooten einige Kilometer vor Erreichen des Nordpols im Eis notlanden müssen. Sein zweiter Versuch 1926 von Spitzbergen her kommend mit der Landung in Teller (Alaska) gilt als erstes zweifelsfreies Überfliegen des Nordpols.

 

 

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MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-21622