Objekt des Monats Nr. 31: „Ruedi“ hoch zu Ross!

Pferde sind treue Freunde und Helfer des Menschen. Während Pferde früher vor allem als Arbeitshilfe dienten, kommen sie heute bei ganz unterschiedlichen Aktivitäten zum Einsatz, sei es beim kräftezehrenden Springreitturnier oder beim gemütlichen Ausreiten. Eine Vorahnung solcher Erlebnisse erhalten Kinder durch Schaukelpferde, auf denen wohl jeder von uns in jungen Jahren einmal gesessen ist. Um ein besonderes Exemplar, das nebenbei einen Einblick in die Industriegeschichte des Kantons Aargau gewährt, geht es beim aktuellen „Objekt des Monats“.

 

Holzschaukelpferd mit echtem Rosshaar

 

pferdDas aus Holz gefertigte und 77cm hohe Pferd ist mit einer weisslichen Farbe bemalt. Einige Körperteile wie die Hufen, die Beingelenke, der Augen-, Nasen- und Mundbereich sowie die Ohreninnenseiten sind schwarz. Die Brust und die Hüfte weisen ebenfalls einige schwarze Farbtupfer auf. Auf dem Rücken des Holzpferdes ist ein durch einen schwarzen Filz gepolsterter und mit Nägeln befestigter Sattel angebracht. Beidseitig von ihm hängen zwei mit einem hellen Lederband verbundene, aus Eisen geschmiedete Steigbügel herunter. Das lederne Halfter ist exakt auf den Kopf des Pferdes angepasst. Obwohl im aktuellen Zustand am Holzpferd keine Kufen mehr angebracht sind, weisen die Löcher auf der Unterseite der Hufen darauf hin, dass solche früher vorhanden waren. Es handelte sich also um ein tatsächliches „Schaukelpferd“, wie auch eine historische Aufnahme bestätigt (Bild 2). Sowohl die Mähne als auch der Schweif sind aus echtem Rosshaar gefertigt. Die erstaunlich wahrheitsgetreu angelegten Proportionen des Pferdekörpers und die Präzision der hergestellten Einzelteile (beispielsweise gibt es auf den Steigbügel rutschhemmende, metallene Noppen) unterstreichen die Qualität des Schaukelpferds. Es erstaunt nicht, dass dieses in den 1930er Jahre hergestellte handwerkliche Prachtexemplar einem Sprössling der gutbetuchten Familie Fischer gehörte, die in Wildegg seit mehreren Generationen die „Hellmühle“ betrieb.

 

Von den USA über England nach Mitteleuropa

 

Die ersten Schaukelpferde sind vermutlich im 17. Jahrhundert in den USA entstanden und hiessen „rocking horses, Vorläufer waren bereits in der Antike bekannt. Von den britischen Kolonien in Übersee gelangen sie über das Mutterland England nach Mitteleuropa und fanden dort vor allem in waldreichen Gebieten Verbreitung. Die ursprünglich aus Metall hergestellten Schaukelpferde wurden durch die Verwendung von Holz in einfacheren Versionen nun auch für ärmere Familien erschwinglich. Speziell in diesen Schichten wurde das Schaukelpferd zu einem weihnachtlichen Symbol für unerfüllte Wünsche und sie fanden in zahlreichen Weihnachtsliedern und Gedichten Eingang.

 

Im Besitz einer Wildegger Familie mit Traditionsunternehmen

 

Bub schaukelpferdStolzer Besitzer des Schaukelpferds war Rudolf Fischer (16.6.1931-29.1.2016), der dieses als Kind von seinen Eltern geschenkt bekam. Wie ein in der Historischen Sammlung Museum Aargau vorhandener Vertrag belegt, kaufte einer seiner Vorfahren namens Samuel Fischer die Mühle am 28. Dezember 1789 für 16’740 Gulden. Neben dem Verkauf von Mehl wurde rund um das Gebäude, das damals zum Schloss Wildegg gehörte, intensive Landwirtschaft betrieben. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert folgte in der Betriebsleitung der Mühle, die 1882/1883 neu erbaut wurde, der jeweilige älteste Sohn. Auf die familieninterne Weitergabe des Traditionsunternehmens wurde in der Familie Fischer grossen Wert gelegt. Als Rudolf noch die Handelsschule in Neuenburg besuchte, klärte ihn sein Grossvater Otto Fischer bereits in einem Schreiben über die Geschichte der Mühle auf und beendete es mit folgendem Satz: „Lieber Ruedi, Du bist nun bald so weit, dass Du Dich als einstiger Nachfolger Deines Vaters um das Geschäft bekümmern musst und ich möchte Dir sehr ans Herz legen, Dich für den künftigen Beruf nicht nur kaufmännisch, sondern auch technisch, praktisch und theoretisch gründlich auszubilden, damit Du einstmals auch als Leiter des Unternehmens nicht nur von Angestellten abhängig bist“.

 

Nachdem Rudolf Fischer bereits während mehreren Jahren als Assistent seines Vaters in der „Hellmühle“ gearbeitet hatte, übernahm er die Leitung 1979 im Alter von 48 Jahren. Unterdessen hatte er die Kufen des von ihm im Kindesalter oft benutzten Schaukelpferds abmontiert. Fortan diente es als Erinnerung an seine Kindheit und es hatte für die Familie Fischer als allgegenwärtiges Ausstellungsobjekt in der Wohnstube des Patrons eine identitätsstiftende Funktion. Rudolf Fischer führte die Mühle, die bereits 1928 und 1937 durch einen Silo-Neubau ergänzt wurde, in der siebten Generation erfolgreich weiter. 1984 fand die Kontinuität der Familiennachfolge schliesslich ein Ende, als er sie an die Migros verkaufte. Die Genossenschaft stieg damit erstmals ins Müllereigeschäft ein und mahlte in Wildegg Hartweizenmehl (Triticum durum), das für die Teigwarenherstellung gebraucht wurde.

mühle

 

 

 

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-21779