Objekt des Monats Nr. 25: Das Geschäft mit dem Geschäft – der Closomat vom Aargauer Hans Maurer

Die japanische Intimsphäre wäre ohne die Erfindung des Dusch-WCs merklich eine andere, zumal dieses in technologisierter Form beinahe zur Norm im Land der aufgehenden Sonne zählt. Der Closomat – das Hybrid zwischen einer Toilette und einem Bidet – ist eine Innovation mit vergleichsweise provinzieller Provenienz, sie stammt nämlich vom Aargauer Hans Maurer.

 

Closomat „Standard“ Modell 61

K-9921

Der stehende Tiefspüler aus dem Jahr 1970 erinnert mit dem spitzzulaufenden Korpus und mit dem bekrönungsgleichen Spülkasten an einen irdenen Eisbrecher, welcher mit seiner schimmernden porzellanhaltigen Masse den Raum dominiert. Im Innern verborgen birgt das Objekt die funktionsbestimmende Technik des Closomaten, bestehend aus wassersprühender Düse und warmen der Trocknung dienendem Gebläse.

 

Von der Retirade bis zum Bidet – Sanitärmobiliar wird salonfähig

 

Der Closomat vereint als Hybrid zwei Entwicklungslinien der neuzeitlichen WC-Geschichte, welche ihren Ursprung u.a. in der höfischen Sphäre haben: Während der Phase, in welcher die Verrichtung des Geschäftes in den gesellschaftshierarchisch höchsten Ebenen zunehmend in separaten funktionsspezifischen Räumlichkeiten – den sogenannten Retiraden – vollzogen wurde, verschmolz die raumspezifische Bezeichnung mit derjenigen für Ausscheidungs-Mobiliar. Die Technik des WCs, was die Kurzform von water closet (dem in gesondertem Raum stehenden Sanitärelement mit Wasserspülung) darstellt, wurde Ende 16. Jahrhundert von einem Neffen der englischen Königin Elisabeth I. erfunden.

 

Closomat_Standard_TechnikDessen ungeachtet geriet die Erfindung wieder in Vergessenheit und erst am Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein Patent auf das Wasserkloset angemeldet. Parallel und dennoch partiell losgelöst vom Mobiliar für menschliche Ausscheidungen formte sich in der feudalen Welt eine Möbelgattung speziell für die Intimhygiene aus, wobei diese Bidets u.a. in Form einer Geige ausgestaltet waren.

 

Der eigentliche Siegeszug des WCs erfolgte dann im 19. Jahrhundert sukzessive im Zusammenhang mit der Entwicklung von Wasserversorgung und -entsorgung. Indes erfolgte die funktionale Vereinigung von Toilette und Bidet in einem einzigen sanitären Objekt erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts durch einen träumenden Aargauer.

 

Erträumtes Geschäft mit dem Geschäft

 

20160530_174034Die Ausgangslage für den in Suhr geborenen Hans Maurer war ein paar Jahre vor seinem 40. Geburtstag arg: ohne Arbeit, mit Schulden und zu versorgender Familie. Scheinbar aus dem Nichts kam ihm die erträumte Idee für die revolutionäre Hygienetechnik des Closomaten. Mit freiwilliger und unfreiwillig komischer Unterstützung seiner Familie experimentierte und optimierte Maurer seine innovative Idee und konnte schliesslich im Jahr 1957 das Patent anmelden. Die ausgereifte serienmässige Produktion begann im Jahr 1961 mit dem Closomat „Standard“ Modell 61. Die Keramikelemente, welche aus Vitrious China hergestellt und demnach eine Mischung zwischen Porzellan und Steingut sind, wurden für das innovative der Intimhygiene dienende Geschäft anfänglich bei dem Aargauer Unternehmen Kera AG Laufenburg gefertigt.

 

Der Erfolg dieser aargauischen geschäftigen Träumerei führte schliesslich – neben dem gewichtigen Nutzen für den Erhalt der selbstständigen Intimpflege von Personen mit eingeschränkter Mobilität – zum tiefen Wandel der japanischen Toilettenkultur.

 

MA UZH Claudio Stefanutto, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche und Text).

Inventar Nr. des Objekts: K-9921