Objekt des Monats Nr. 24: Ästhetische Technik – Bandsäge der Maschinenfabrik A. Müller & Cie.

Im Unterschied zur digitalbasierten Technik verströmt die ins Jahr 1906 datierte Bandsäge der Maschinenfabrik A. Müller & Cie. als technische Manifestation selbst im statischen Moment eine ästhetische Magie, die uns inzwischen fremd erscheint

 

Technische Ästhetik des Jugendstils

 

Bandsäge A. Müller & Cie.

Bandsäge A. Müller & Cie.

Auf zwei jugendstilartigen Maschinenfüssen erhebt sich der pfeilerartige geschwungene Körper der Bandsäge aus Gusseisen, welcher an seiner höchsten Erhebung ein Maschinenrad trägt. Das Rad, welches mit seinen acht abgerundeten fächerartigen Speichen einer ehernen Blüte gleicht, übernimmt mit seinem massiven Pendant die Führung des langen gezackten bandartigen Sägeblattes. Als Schutz vor der scharfen mittels Antriebsriemen übermittelten Dynamik der Säge finden sich eine mit zwei Scharnieren versehene Holzkonstruktion und eine in seiner Form dem Rad folgende Schutzabdeckung.

 

National – Kantonal – International

 

Die Wurzeln der Maschinenfabrik A. Müller & Cie. reichen in die Region Winterthur, wo der Zürcher Johann Weber (1836-1918) schweizweit das erste auf die Produktion von Holzbearbeitungsmaschinen spezialisierte Unternehmen gründete. Am Standort Brugg realisierte dieser erst im Jahr 1893 in Folge strategischem Standortmarketing der Gemeinde eine branchengleiche Neugründung. Die von der Gemeinde veranlasste gezielte Positionierung von Brugg als Industriestandort basierte neben der bereits Ende 1850er erfolgten Bahnanbindung insbesondere auf dem 1892 vollendeten Elektrizitätswerk. Im Jahr 1894 trat schliesslich der Schaffhauser Alfred Jakob Müller (1868-1942) als Teilhaber und später im Jahr 1900 als namensgebender Hauptgesellschafter der Kommanditgesellschaft A. Müller & Cie. ein.

 

Die Bandsäge am ehemaligen Standort in Ziefen BL

Die Bandsäge am ehemaligen Standort in Ziefen BL

Die eigens in einem „Showroom“ in Zürich präsentierte Produktevielfalt der Maschinenfabrik war Legion und reichte von Sägen (Kreissägen, Pendelsägen, Bandsägen), über Nut-, Bohr- und Hobelmaschinen, bis hin zu Drehbänken und Universalmaschinen, ferner die dazugehörigen Schleifmaschinen. Freilich konstruierte A. Müller & Cie. auch Sonderanfertigungen, welche aber im Gegensatz zu den meisten Standardmaschinen nicht ab Lager erhältlich waren. Das Angebot richtete sich an Unternehmen jeglicher Grösse, welche mit dem Werkstoff Holz arbeiteten und welche das notwendige Kleingeld besassen. Entsprechend den Lieferbedingungen eines firmeneigenen Kataloges aus dem Jahr 1921 wird deutlich, dass der Kaufpreis häufig in mehreren Raten bezahlt wurde, wobei die Eigentumsübertragung erst mit der letzten Zahlung an die Maschinenfabrik erfolgte. Die Installierung und Inbetriebnahme beim Käufer wurde durch Mitarbeiter der Maschinenfabrik oder durch verkaufsberechtige Vertriebspartner vorgenommen. Selbstverständlich fielen etwaige Anpassungen an Fundamenten oder sonstige Optimierung der Montagebedingungen der schwergewichtigen Technologie zu Lasten des Käufers.
Entsprechend der äusserst komplexen Maschinentechnik waren hochqualifizierte Maschinenschlosser unabdingbar, was bisweilen zu einer internationalen Arbeiterschaft führte. Bereits um 1906 wurden Russen beschäftigt, um 1920 Deutsche und Österreicher, zudem um 1930 Italiener.

 

Signet A. Müller & Cie.

Signet A. Müller & Cie.

Indes verband die Maschinenfabrik A. Müller & Cie. eine besondere, sogar prämierte Beziehung mit Italien, genauer mit Turin. Hier fand im Jahr 1911 die Weltausstellung statt. In der Halle 12, die Elektrizitätshalle, war die Maschinenfabrik Bestandteil der Schweizer Delegation und präsentierte sich und ihre Maschinen höchster Qualität und Ingenieurskunst am Stand Nr. 18. Schliesslich wurde dem Unternehmen aus Brugg als einziges weltweit die Ehre zu Teil, mit dem Grand Prix für Holzbearbeitungsmaschinen prämiert zu werden, wofür sicherlich nicht die ästhetische Technik ausschlaggebend war.

 

MA UZH Claudio Stefanutto, Praktikant Historische Sammlung (Recherche und Text)
Inv. Nr. des Objekts: K-21707