Objekt des Monats 45: Die Allianzwappenscheibe „von Hallwyl-Reichlin von Meldegg“

Wappenscheiben gehören zweifellos zu den herausragenden Objektgruppen der Historischen Sammlung Museum Aargau. Ihre ikonografische und stilistische Vielfalt ist auch für kunstgeschichtliche Fragestellungen von grossem Interesse. Besonders die im Jahr 1631 hergestellte Scheibe „von Hallwyl-Reichlin von Meldegg“ erlaubt aussergewöhnliche Einblicke in die Geschichte des katholischen Zweiges des aargauischen Adelsgeschlechts von Hallwyl.

 

Die Allianzwappenscheibe von 1631

Im Mittelfeld der Glasscheibe (36,8 cm x 24,8 cm) befinden sich zwischen zwei Säulen die Wappen des Stifterehepaars. Links (heraldisch rechts) das Wappen von Hallwyl, rechts das Wappen Reichlin von Meldegg. Der Helm auf letzterem wird durch eine goldene Krone überhöht, was eine 1465 von Kaiser Friedrich III. gewährte „Wappenaufwertung“ ist. Der Mittebereich steht auf einer mit Roll- und Beschlagwerk verzierten Sockelzone. In deren Mitte sind auf einer Tafel die Namen des Stifterpaars und das Herstellungsjahr eingeschrieben. Auf der Seite sind die Namenspatrone der Auftraggeber, links Johannes der Täufer, rechts die Heilige Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Christuskind, abgebildet. Der Bereich über dem Gebälk steht stellvertretend für die himmlische Sphäre und zeigt die von zwei Putti (nackte Kindergestalten) flankierte Muttergottes als Himmelskönigin.

 

 

Ein beredtes Zeugnis des aargauischen Adelsgeschlechts von Hallwyl

Die Wappenscheibe wurde 1631 vom Konstanzer Glasmaler Jeronimus (Hieronymus) Spengler (1589-1636) geschaffen. In der Ecke unten rechts hat er seine Künstlersignatur „I. SP“ vermerkt. Weitere Werke von ihm sind im Kanton Aargau im Kloster Wettingen und in der Pfarrkirche Mellingen zu bestaunen.

Die Auftraggeber der Allianzwappenscheibe von 1631 waren Hans Walter von Hallwyl (um 1590 geboren) und dessen Gemahlin Anna Benigna Reichlin von Meldegg (1595-1639).

Hans Walter, der 1619 Schloss und Herrschaft Blidegg übernahm, entstammte dem 1743 ausgestorbenen thurgauisch-schwäbischen Zweig der Herren von Hallwyl. Dieser war nach der Reformation katholisch geblieben. Das persönliche Bekenntnis zum Katholizismus wird durch das offensichtlich mariologische und damit deutlich gegenreformatorische Bildprogramm auf der Scheibe verdeutlicht.

Der Stammsitz des Adelsgeschlechts „von Hallwyl“ ist das Schloss Hallwyl in Seengen. Die Allianzwappenscheibe „von Hallwyl-Reichlin von Meldegg“ ist dort im Festsaal des Hinteren Schlosses ausgestellt.

Schloss Hallwyl

 

Die Bedeutung von Allianzwappenscheiben

Allianzwappenscheiben stellten in der Frühen Neuzeit die Verbindung zwischen zwei Trägern (Personen, Länder, Fürsten- oder Bistümer) einer Allianz dar. Sie waren nicht für den Eigengebrauch, sondern vielmehr für deren Repräsentation in einem öffentlichen Gebäude oder im Wohnhaus einer angesehenen Persönlichkeit bestimmt. Die dort angebrachten Scheiben bedeuteten, mit der jeweiligen Institution oder Persönlichkeit verbunden zu sein. Sie demonstrierten damit das weitgefächerte Beziehungsgeflecht und die Einflusssphäre der Stifter. Es ist jedoch nicht bekannt, für welchen Anbringungsort die Wappenscheibe „von Hallwyl-Reichlin von Meldegg“ ursprünglich bestimmt war.

Offensichtlich waren dagegen die zahlreichen Sprünge und Fehlstellen im Glas sowie die schlechte Verbleiung, welche die mehrere Jahrhunderte alte Scheibe aufwies. Nachdem sie dank der 2007 vorgenommenen Restaurierung wieder in einwandfreiem Zustand war, wurde sie 2009 in die Historische Sammlung Museum Aargau aufgenommen. Heute präsentiert sie sich im Schloss Hallwyl in einwandfreiem Zustand.

 

Wappenscheibe vor der Restaurierung

 

 

Die Informationen zum Objekt stützen sich auf einen Artikel von Stefan Hess: „Ein Hallwyler setzt auf die Muttergottes im Himmel und auf den Bischof auf Erden. Zu einer 1631 datierten Stifterscheibe im Museum Aargau. In: Argovia, Bd. 122 (2010), S. 149–157.“

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-18400