Objekt des Monats 44: Das Reliquienhorn aus dem Kloster Muri

Zu den interessantesten Objekten der Historischen Sammlung gehört zweifellos das Reliquienhorn, welches zu Beginn des 18. Jahrhunderts hergestellt wurde. Es handelt sich um die Kopie eines elfenbeinernen Olifants, eines mittelalterlichen Signalhorns, aus dem 11. Jahrhundert.

 

 

Ein aus Holz geschnitztes Reliquienhorn

Der hölzerne Olifant hat eine Länge von 45 cm und weist eine Wölbung auf. Der Durchmesser nimmt von der Bauchung zur Schallöffnung hin zu (beim Mundstück 2,5 cm und bei der Schallöffnung 11,5 cm). Um die Schallzone verläuft ein Streifen mit aufwändig geschnitzten Jagd- und Kampfszenen. Zu sehen sind etwa ein Jäger mit Spiess, ein mythisches Mischwesen und eine Schlange. Dieser Teil wird von zwei Bändern mit Pflanzenornamenten abgeschlossen, welche auf der anderen Seite – vor dem Mundstück – erneut als Verzierung dienen. Dazwischen befindet sich auf fünf Zeilen eine eingeritzte lateinische Inschrift. Die deutsche Übersetzung lautet: „Bekannt sei allen, die dieses Horn betrachten, dass Graf Albert, Landgraf vom Elsass, von Habsburg abstammend, dieses Horn mit heiligen Reliquien [Überreste von Heiligen] angereichert hat. Dies ist im Jahre 1199 geschehen.“

 

 

 

Eine Übernahme aus dem Kloster Muri

Das Objekt hat eine aussergewöhnliche Herkunftsgeschichte: Das Original aus Elfenbein stammt wahrscheinlich aus Unteritalien. Es wurde im 11. Jahrhundert von dort ansässigen Sarazenen, im Bereich des Mittelmeerbeckens lebenden Muslimen, hergestellt. Das ursprüngliche Jagd- und Blasinstrument diente Graf Albert III. von Habsburg als Reliquienbehälter. Die Umwandlung vom kostbaren weltlichen Besitz in Reliquiare kam häufig vor. Albert III. vermachte den Olifant 1199 dem Kloster Muri. Indem der damalige Abt Placidus Zurlauben diesen 1702 Kaiser Leopold I. schenkte, gelang das Reliquienhorn wieder in habsburgischen Besitz. Der Grund für die Schenkung war, dass der Kaiser dem Abt die Fürstenwürde verliehen hat. Vor der Übermittlung des Objekts liess Abt Zurlauben eine originalgetreue Kopie aus Holz anfertigen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelangte diese Kopie via Stadtkirche Bremgarten in das kantonale Antiquarium in Aarau, aus dem die heutige Historische Sammlung Museum Aargau entstanden ist. Gegenwärtig ist der Olifant auf Schloss Lenzburg in der Dauerausstellung „Rittertum und Adel“ zu sehen.

 

Das Kloster Muri

 

Signalhörner im Mittelalter

Die ältesten Exemplare von Signalhörnern stammen aus dem byzantinischen Kulturkreis. Viele wurden von Pilgern und Kreuzfahrern als Kriegs- und Jagdhörner nach Europa mitgenommen. Die eingeführten Elefantenhörner waren oft mit Schnitzereien verziert. Im Mittelalter hergestellte Elfenbeinolifante sind heute selten, weniger als hundert sind noch erhalten. Die Jagdhörner wurden hauptsächlich für den europäischen Adel geschaffen. Sie waren in adligen Kreisen sehr begehrt, weil die Olifante mit dem Helden im altfranzösischen „Rolandslied“ in Verbindung gebracht wurden. In diesem damals populären Versepos stiess der Held in sein Horn, um Karl den Grossen vor dem Sarazenenheer zu warnen. Das aus dem 11. Jahrhundert stammende elfenbeinerne Original des Reliquienhorns wird heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrt.

 

Bildquelle: ©KHM-Museumsverband

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MA UNIBE Jean-Luc Rickenbacher, Praktikant Historische Sammlung Museum Aargau (Recherche, Bildbearbeitung und Text), Inv. Nr. K-243