Frauen vor Gericht – Elsi Achermann, die Unzüchtige

Was steckt hinter der Sonderausstellung ‚Zuo Lenzburg gerichtet‘ und welche Rolle nahm die Frau vor Gericht während der Berner Herrschaft im Aargau ein? Ein Blick auf Elsi Achermann.

 

Unverheiratet und Mutter von sechs Kindern

Wir wissen ziemlich wenig über Elsi Achermann. Sie lebte in Suhr im 16. Jahrhundert unter Berner Herrschaft, war unverheiratet und Mutter von sechs Kindern. Unehelich gezeugte Kinder waren damals vermutlich keine Seltenheit. Deren Existenz wurde bis zu einem gewissen Grad von den Obrigkeiten geduldet, natürlich auf keinen Fall befürwortet.

Elsi Achermann hatte bereits schon so etwas wie eine offizielle Verwarnung erhalten. Die Geburt des 6. Kindes gab dann anscheinend den Ausschlag, der alles weitere ins Rollen brachte: Elsi Achermann wurde in Gewahrsam genommen. Man warf ihr «vielfältige Hurerei» vor. Sie wurde gefoltert. Unter den Qualen der Tortur gestand sie unter anderem blutschänderische Beziehungen – also Geschlechtsverkehr mit nahen Verwandten – gehabt zu haben. Sie wurde für schuldig befunden und zum Tod durch Ertränken im Aabach verurteilt. Das Todesurteil wurde am 8. März 1595 vollstreckt.

 

Von der Todesstrafe zum Schellenwerk

Elsi Achermann ist nur eine von drei Frauen, deren Schicksale exemplarisch in der diesjährigen Sonderausstellung ‚Zuo Lenzburg gerichtet‘ im Schloss Lenzburg zu sehen sind. Drei Frauen aus drei Jahrhunderten stiessen an gewisse gesellschaftliche Normen, gerieten in die Mühlen der Justiz und bezahlten alle mit ihrem Leben. Andere Frauen bezahlten mit öffentlicher Zurschaustellung und gesellschaftlichem Ruin. Als ‚typische‘ Frauendelikte erscheinen dabei immer wieder Kindsmord, Abtreibung, Prostitution und Hexerei. Durch die Jahrhunderte hindurch lässt sich aufgrund der historischen Quellen belegen, dass das gleiche Delikt unterschiedlich geahndet werden konnte. 200 Jahre nach der Hinrichtung von Elsi Achermann wurde Barbara Lüscher, ebenfalls unverheiratete sechsfache Mutter, statt zum Tod ’nur‘ zu Schellenwerk für die Dauer von 10 Jahren verurteilt. Was das bedeutete, kann man im Historischen Lexikon in Erfahrung bringen.

 

Frauen an zweiter Stelle

Frauen waren in der Vergangenheit gesellschaftlich und juristisch als eine Art Personen 2. Klasse eingestuft. Sie unterstanden der Obhut ihrer Väter, Brüder, Ehemänner oder anderer Männer ihrer Verwandtschaft. Durch die Jahrhunderte veränderte sich die Einschätzung der Frau immer mal wieder und auch regional sind in Europa Unterschiede festzustellen. Eine wichtige Rolle spielte selbstverständlich die gesellschaftliche Stellung der jeweiligen Frau. Generell aber galt der Mann als das höherwertige Wesen. Da der Frau für viele Jahrhunderte überhaupt das persönliche Recht an ihrem eigenen Körper abgesprochen wurde, war es ihr z.B. teilweise verweigert, vor Gericht vorzusprechen oder sich zu verteidigen. Ohne männlichen Leumund, ohne männlichen Verteidiger und Fürsprecher sahen die Chancen für Frauen vor Gericht meistens sehr schlecht aus.

 

Lea Schieback, Mitglied der Company of Saynt George und Mitarbeiterin Museum Aargau

Illustration Elsi Achermann vor Schloss Lenzburg

Illustration Elsi Achermann vor Schloss Lenzburg